EbM-Splitter - DZZ 04/2017

Der Zeitschriften- Impact-Faktor 2016

The Journal Impact Factor 2016


Mitte Juni 2017 wurden die Ranglisten der wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit Impact-Faktor für das Jahr 2016 veröffentlicht (InCitesTM Journal Citation Reports®). Bei dem Zeitschriften-Impact-Faktor (Journal Impact Factor, JIF) handelt es sich um einen Durchschnittswert. Er dient der Beurteilung des Einflusses von Fachzeitschriften in der Welt der Wissenschaften. Der JIF 2016 an gibt, wie viele der in den beiden vorangegangenen Jahren 2014 und 2015 in einer definierten Zeitschrift publizierten zitierbaren Artikel im Jahre 2016 (= Bezugsjahr) in sog. Quellenzeitschriften (engl. Source Journals) zitiert worden waren.

Eingeschlossene Zeitschriften

In der Fachkategorie Zahnmedizin (Dentistry, Oral Surgery & Medicine) weisen im Berechnungsjahr 2016 90 Zeitschriften einen JIF auf (2015: 89 bzw. 90; die Auflistung des Journal of Prosthetic Dentistry war zunächst vergessen worden [15], der JIF dieser Zeitschrift wurde nachgereicht). Im Jahre 2016 wurde im Vergleich zu 2015 eine zusätzliche Zeitschrift (International Journal of Computerized Dentistry) berücksichtigt, während das im Jahre 2014 in Journal of Oral Facial Pain & Headache umbenannte Journal of Orofacial Pain nicht mehr gesondert aufgeführt ist (Tab. 1).

Der JIF 2016 der Fachkategorie Zahnmedizin erstreckt sich über einen Zahlenbereich von 0,034 (Implantologie) bis 4,794 (Oral Oncology). Die Zeitschrift Oral Oncology nimmt erstmals den führenden Rang ein; die bemerkenswerte Entwicklung des JIF dieser Zeitschrift seit ihrer Erfassung im Jahre 1997 ist Tabelle 2 zu entnehmen.

Neben Oral Oncology weisen drei weitere Zeitschriften einen JIF über 4 auf (Tab. 1). Der Vergleich mit den führenden 20 wissenschaftlichen Zeitschriften über alle Fachdisziplinen hinweg (Tab. 3) zeigt, dass sich der JIF zahnmedizinischer Zeitschriften in einem bescheidenen Rahmen bewegt.

Aufstieg und Fall

66 der 89 Zeitschriftentitel, die einen Vergleich mit dem Vorjahr erlauben, weisen einen höheren JIF auf als im Vorjahr, 23 einen geringeren. Die 10 Periodika mit den stärksten JIF-Veränderungen sind in Tabelle 4, die (bedingt durch Zahlengleichheit) 11 Journale mit den größten JIF-Rangveränderungen in Tabelle 5 zusammengefasst.

Die Zeitschrift Pediatric Dentistry kann als „Aufsteiger des JIF-Jahres 2016“ bezeichnet werden. Sie verortet sich als einziges Fachorgan sowohl unter den 5 Fachzeitschriften mit dem gegenüber 2015 größten Zuwachs an JIF-Punkten (Tab. 4, Platz 3) als auch unter den 5 Zeitschriften, die in der JIF-Rangliste im Vergleich zum Vorjahr den stärksten Aufstieg erfahren haben (Tab. 5, Platz 1).

Demgegenüber finden sich bei den 5 Journalen mit dem deutlichsten Verlust an JIF-Punkten und bei den 5 Zeitschriften mit dem auffälligsten Ranglistenabfall 2 Periodika, die in beiden Listen vertreten sind: das American Journal of Dentistry und das Orthodontics & Craniofacial Research. Diese beiden Fachblätter können daher als „Absteiger des Jahres“ angesehen werden.

Median-Impact-Faktor

Der Median-Impact-Faktor (MIF) erlaubt einen groben orientierenden Vergleich innerhalb der unverändert 234 wissenschaftlichen Fachkategorien (Tab. 6). Die Zahnmedizin liegt 2016 mit einem MIF von 1,444 an 136. Stelle (2015: MIF 1,303; 139. Stelle).

„Der Impact Factor ist
eine komplett falsche
Messmethode.“

Randy Wayne Schekman. Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin (2013) [6].

Kritik am JIF

Die seit Jahren in der Fachliteratur geäußerte Kritik am JIF hält an. Wiederholt wurde betont, dass der JIF für die Beurteilung der Qualität einer einzelnen Publikation oder der Leistung einzelner Autoren ungeeignet ist [8]. Es ist nämlich davon auszugehen, dass ein großer Teil der in einem Berechnungsjahr in einer Fachzeitschrift eingeschlossenen Artikel (zum Teil deutlich) weniger häufig zitiert wird, als es der JIF des Periodikums suggeriert. So wurden im JIF-Berechnungsjahr 2015 74,8 % der Beiträge, die in den Jahren 2013 und 2014 in der Zeitschrift Nature (JIF: 38,1) veröffentlicht worden waren, weniger als 38 Mal in Fachzeitschriften zitiert (Abb. 1). Für Science war der entsprechende Wert sehr ähnlich (75,5 %) [2]. Dies bedeutet: Viele „Trittbrettfahrer-
Autoren“ profitieren von relativ wenigen, aber sehr häufig zitierten und dadurch für einen hohen JIF sorgenden Artikeln.

Gabriele Meyer (Halle) und Ingrid Mühlhauser (Hamburg) vom Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNEbM) äußerten sich daher über den JIF wie folgt [11]: „Simple Produktivitätsmaße wie […] der kumulative oder gewichtete Impact Factor sind irreführend und anfällig für Manipulationen. […] Der Impact Factor als Metrik des Journals ist ungeeignet als Kriterium auf Artikelebene. Zudem ist nichts über die Bedeutung des Beitrags oder den errungenen Fortschritt ausgesagt. […] Mag der Bezug auf den Journal Impact Factor einst sinnvoll gewesen sein, da er eine Haltung in der biomedizinischen Wissenschaft gefördert hat, in geachteten, um Qualität bemühten Journalen zu publizieren und somit am internationalen Diskurs zu partizipieren, so ist er heute nicht mehr ausreichend als Leistungsbewertungsmaßstab und Grundlage von Anreizsystemen. ,Klasse‘ lässt sich so nicht bestimmen.“

Zu weiteren Schwächen und Unzulänglichkeiten des JIF zählen unter anderem die weitgehende Nichtbeachtung nicht-englischsprachiger Fachzeitschriften sowie Manipulationsmöglichkeiten zum Zwecke der Erhöhung des JIF, z.B. durch (bisweilen unter Zwang erfolgende) zeitschriftenbezogene Selbstzitierungen kürzlich erschienener Artikel [3, 5, 7–8, 13]. Daher verzichten einige Zeitschriften inzwischen auf die Nennung „ihres“ JIF auf ihrer Webseite [4]. Über Vorschläge einer Änderung der Berechnungsformel des JIF [9] hinaus wurden alternative Kennzahlen vorgestellt, wie CiteScore [16] sowie sog. Altmetriken, wie PLoS Article-Level Metrics (ALM), Altmetric und PlumX Metrics [10].

Es ist davon auszugehen, dass der JIF trotz der fundierten und berechtigten Kritik auch in absehbarer Zeit in medizinischen Fakultäten die Bedeutung behalten wird, die ihm ungerechtfertigterweise zukommt. Angesichts dieses fortgesetzten „autistisch-undisziplinierten Denkens in der Medizin“ (ohne Aussicht auf zeitnahe Überwindung) [1] wird wie in der Vergangenheit [12, 14–15] auch in kommenden Jahren regelmäßig in dieser Zeitschrift über den JIF berichtet werden müssen.

Prof. Dr. Jens C. Türp, Basel

Literatur

1. Bleuler E: Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung. 5. Aufl., Springer, Berlin 1963

2. Callaway E: Beat it, impact factor! Publishing elite turns against controversial metric. Nature 2016; 535: 210–211

3. Canon M: Gaming the impact factor: where who cites what, whom and when. Australas Phys Eng Sci Med 2017; 40: 273–276

4. Casadevall A, Bertuzzi S, Buchmeier MJ et al.: ASM journals eliminate impact factor information from journal websites. J Clin Microbiol 2016; 54: 2216– 2217

5. Chorus C, Waltman L: A large-scale analysis of impact factor biased journal self-citations. PLoS One 2016; 11: e0161021

6. Dambeck HV: Vorwürfe gegen „Science“ und „Nature“. „Aufgebauscht, bis es falsch wird“. Interview mit R. W. Schekman. Spiegel online, 29.06.2017

7. Gasparyan AY, Nurmashev B, Yessirkepov M, Udovik EE, Baryshnikov AA,
Kitas GD: The journal impact factor: Moving toward an alternative and combined scientometric approach. J Korean Med Sci 2017; 32: 173–179

8. Grzybowski A, Patryn R: Impact factor: Universalism and reliability of assessment. Clin Dermatol 2017; 35: 331–334

9. Liu XL, Gai SS, Zhou J: Journal impact factor: Do the numerator and denominator need correction? PLoS One 2016; 11: e0151414

10. Melero R: Altmetrics – a complement to conventional metrics. Biochem Med (Zagreb) 2015; 25: 152–160

11. Meyer G, Mühlhauser I: Klasse statt Masse! Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 2017; 121: 1–4

12. Motschall E, Antes G, Türp JC: Der „Impact Factor“ von zahnmedizinischen Zeitschriften. Dtsch Zahnärztl Z 2008; 63: 782–785

13. Teixeira da Silva JA, Bernès S: Clarivate analytics: Continued omnia vanitas impact factor culture. Sci Eng Ethics 2017; 23 [in Druck]

14. Türp JC, Antes G: Der Zeitschriften-Impact-Faktor. Dtsch Zahnärztl Z 2015; 70: 242–249

15. Türp JC: Der Zeitschriften-Impact-Faktor 2015. Dtsch Zahnärztl Z 2016; 71: 278–283

16. Van Noorden R: Controversial impact factor gets a heavyweight rival. Nature 2016; 540: 325–326

Prof. Dr. Jens C. Türp

Tabelle 1 Journal-Impact-Faktor (JIF) für das Jahr 2016 für die 90 in der Kategorie Zahnmedizin (einschl. Oralchirurgie und Oralmedizin) gelisteten Zeitschriften mit Vergleich des JIF des Vorjahres (n = 90). Aufgrund des nachträglich zuerkannten JIF von 1,515 für das Journal of Prosthetic Dentistry und der damit einhergehenden Platzierung dieser Zeitschrift auf Rang 39 der JIF-Rangliste des Jahres 2015 sind die in der Publikation von 2016 (dortige Tabelle 2) ab Rang 39 gelisteten Zeitschriftentitel um einen Platz nach hinten gerutscht. In der vorliegenden Tabelle sind die korrigierten Platzierungen für 2015 angegeben. Rot (fett): neuer Zeitschriftentitel mit JIF-Rang und -Wert.

Tabelle 2 Entwicklung des JIF der Zeitschrift Oral Oncology zwischen 1997 und 2016.

Tabelle 3 Die 20 wissenschaftlichen Zeitschriften mit dem höchsten Journal-Impact-Faktor (JIF) des Jahres 2016.

Tabelle 4 Vergleich der Jahre 2015 und 2016: Die jeweils 5 zahnmedizinischen Zeitschriften mit dem stärksten Anstieg (Plus-Werte; Veränderungsränge 1 bis 5) bzw. Abfall ihres JIF (Minus-Werte; Veränderungsränge 86 bis 90).

Tabelle 5 Vergleich der Jahre 2015 und 2016: Die 5 zahnmedizinischen Zeitschriften mit dem stärksten Anstieg (Plus-Werte; Veränderungsränge
1 bis 5) und die 6 Zeitschriften mit dem stärksten Abfall ihres JIF-Rangs (Minus-Werte; Veränderungsränge 85 bis 90).

Tabelle 6 Der Median-Impact-Faktor (MIF) ausgewählter Fachkategorien (n = 234) für das Jahr 2016

Abbildung 1 Die Höhe des JIF wird von einer geringen Zahl besonders viel zitierter Artikel beeinflusst. Die meisten Fachartikel werden weniger häufig zitiert, als der JIF angibt. Vertikaler Strich: Journal-Impact-Faktor (38,1) des Jahres 2015 der Zeitschrift Nature. Blaue Linie: Zahl der Zitierungen der in den Jahren 2013 und 2014 veröffentlichen zitierfähigen Artikel in dieser Zeitschrift. (Quelle: J. C. Türp, in Anlehnung an Callaway [2])